Hightech am Rhein – wenn der Kran versagt

Köln, etwa um 1380.

Es ist früher Morgen am Rheinufer. Zwischen Salzgasse, Buttermarkt und der Hafengasse herrscht bereits geschäftiges Treiben. Schiffer rufen, Pferde wiehern, Karren rumpeln über das Pflaster. Aus den Wirtshäusern zieht der Geruch von Rauch, Bier und gebratenem Fleisch.

Vor der Salzgasse liegt die „Sankt Ursula“, ein schwer beladenes Handelsschiff aus den Niederlanden. In ihrem Laderaum stapeln sich große Ballen mit kostbarem flämischem Tuch.

Die Ware muss gelöscht werden. Köln besitzt das Stapelrecht – und das bedeutet Arbeit für die Männer am Hafen.

Hermann Schmitz, ein kräftiger Familienvater und erfahrener Kranmeister, hat an diesem Morgen sechs Tagelöhner um sich versammelt.

„Jupp und Mattes zuerst ins Rad!“, befiehlt er. „Hein und Tilman lösen euch ab. Pitter und Willem gehen hinunter und schlagen die Ballen an.“

Über ihnen ragt der gewaltige hölzerne Lastkran auf. Sein Herzstück ist das Tretrad – ein riesiges Rad, in dem zwei Männer durch ihr Körpergewicht und ihre Muskelkraft die schwere Last emporziehen.

Hightech des Mittelalters. Mit Hilfe eines Lastkrans war es möglich, äußerst schwere Lasten zu heben

Jupp Mertens steigt in das Rad.

„Du siehst aus, als hättest du die Nacht durchgesoffen“, spottet Mattes.

Jupp schüttelt den Kopf.

„Gearbeitet. Bis weit nach Mitternacht.“

Neben seiner Arbeit am Hafen hilft er nachts in der Brauerei „Zum verlorenen Sohn“ , dem heutigen Haxenhaus aus. Seine Frau ist seit Wochen krank. Vier kleine Kinder müssen ernährt werden, und auch der Medicus verlangt seinen Lohn.

„Fertig zum Heben!“, ruft Hermann.

Pitter und Willem haben im Laderaum der „Sankt Ursula“ einen schweren Tuchballen festgezurrt.

„Tretet an!“

Jupp und Mattes setzen sich in Bewegung.

Langsam dreht sich das gewaltige Rad. Die hölzerne Welle knarrt. Das dicke Hanfseil spannt sich.

Der Tuchballen hebt sich.

Eine Elle.

Zwei Ellen.

Immer höher.

Schweiß läuft Jupp über die Stirn. Seine Beine werden schwer. Für einen Augenblick schließt er die Augen.

Nur einen Augenblick.

Dann passiert es.

Sein Fuß rutscht vom Tritt.

„Jupp!“

Er stürzt.

Mattes verliert das Gleichgewicht.

Plötzlich dreht sich das Tretrad rückwärts.

Das Seil surrt über die Rolle.

„HALT!“, brüllt Hermann.

Doch die schwere Last zieht unerbittlich nach unten.

Der Tuchballen saust zurück in den Laderaum der „Sankt Ursula“.

Ein dumpfer Schlag.

Dann ein Schrei.

Willem liegt zwischen den Ballen.

Für einen Moment herrscht Stille.

Dann bricht Tumult aus.

„Männer von der Hafenmeisterei!“, zischt Pitter und deutet zum Ufer.

Hermann wird bleich.

Ein schwerer Unfall am Kran bedeutete Fragen. Wer hatte die Männer eingeteilt? War der Kran ordnungsgemäß bedient worden? Warum hatte ein völlig übermüdeter Mann im Tretrad gestanden?

Und vor allem: Würde man seiner Mannschaft künftig noch die begehrten Kranarbeiten übertragen?

Hermann packt Jupp am Arm.

„Hör mir gut zu. Du bist nicht gefallen.“

Jupp starrt ihn an.

„Aber Willem …“

„Der Ballen hat sich aus der Schlinge gelöst. Verstanden?“

Die Männer schweigen.

Jupp schaut hinunter in den Laderaum, wo seine Kameraden den verletzten Willem aufrichten.

Dann blickt er zu den Männern der Hafenmeisterei, die bereits näher kommen.

Hermann flüstert:

„Wenn wir den Auftrag verlieren, stehen morgen sieben Familien ohne Brot da.“

Jupp senkt den Kopf.

Über ihnen hängt das Hanfseil des Krans noch immer schwankend im Wind.

Und plötzlich wird allen klar:

Nicht nur Willem ist an diesem Morgen tief gefallen.

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Der Tretradkran – Hightech des Mittelalters

Der Tretradkran gehörte zu den leistungsfähigsten Maschinen des Mittelalters. Für eine Geschichte über das mittelalterliche Köln ist er besonders interessant: Solche Kräne wurden sowohl auf großen Baustellen als auch im Hafen beim Be- und Entladen der Rheinschiffe eingesetzt. Ab dem 13. Jahrhundert verbreiteten sich Tretradkräne wieder verstärkt in Europa. 

Wie funktionierte diese Maschine?

Das Herzstück war ein riesiges hölzernes Laufrad, meist etwa drei bis fünf Meter im Durchmesser. Man kann es sich tatsächlich wie ein gewaltiges Hamsterrad vorstellen. Ein oder mehrere Männer – die sogenannten Kranknechte oder Krantreter – liefen im Inneren des Rades.

Das Tretrad war mit einer waagerechten Holzwelle verbunden. Während sich das Rad drehte, wickelte sich ein starkes Hanfseil um diese Welle. Das Seil führte über Rollen zum Ausleger des Krans und von dort hinunter zur Last.

Der entscheidende technische Trick war die Hebelwirkung: Der große Durchmesser des Tretrades stand dem wesentlich kleineren Durchmesser der Seiltrommel gegenüber. Dadurch wurde aus der vergleichsweisen begrenzten Muskelkraft der Männer eine enorme Zugkraft.

Ein einzelner Mann hätte beispielsweise ein schweres Weinfass oder einen Steinblock kaum vom Boden bekommen. Im Tretrad konnte seine Körperkraft dagegen tonnenschwere Lasten bewegen.

Was konnte ein solcher Kran heben?

Die Leistungsfähigkeit war erstaunlich. Mittelalterliche Hafenkräne mit zwei Treträdern konnten typischerweise Lasten von etwa zwei bis drei Tonnen bewältigen. Gerade im Hafen wurden Doppelräder eingesetzt, weil dort nicht nur Kraft, sondern auch Geschwindigkeit beim Warenumschlag gefragt war. 

Damit ließen sich beispielsweise heben:

  • Weinfässer und andere schwere Fässer,
  • Ballen und Warenkisten,
  • Mühlsteine,
  • Bauholz,
  • schwere Steinquader,
  • Metall und andere Handelswaren.

Die Waren konnten dabei in Körben, Kisten oder auf einfachen Plattformen hängen. Steinquader wurden unter anderem mit Seilschlingen oder speziellen Steinklammern gefasst. 

Das wirklich Gefährliche: Die Männer standen im Rad

Die Männer liefen innerhalb des Rades. Einer musste das Kommando führen – der Kranmeister. Denn die Arbeiter konnten die Last unter ihnen teilweise überhaupt nicht sehen.

Der Kranmeister musste also rufen:

„An!“ – „Langsam!“ – „Halt!“ – „Zurück!“

Ein falscher Schritt konnte gefährlich werden. Wenn eine schwere Last ins Schwingen geriet, ein Seil beschädigt war oder die Arbeiter im Rad nicht gleichmäßig liefen, wurde aus der technischen Meisterleistung schnell eine lebensgefährliche Situation.

Interessant ist dabei, dass mittelalterliche Tretradkräne häufig keine modernen Bremsvorrichtungen besaßen. Die erhebliche Reibung des Systems verhinderte normalerweise, dass sich das Rad unkontrolliert beschleunigte. 

Besonders interessant für Köln: der Hafen

Mit dem Stapelrecht mussten durchreisende Kaufleute ihre Waren in Köln ausladen und zum Verkauf anbieten. Damit entstand ein enormer logistischer Aufwand: Waren mussten vom Schiff an Land, gewogen, gelagert, verkauft und teilweise anschließend wieder auf andere Schiffe verladen werden.

Genau hier waren leistungsfähige Hebewerke von großem Nutzen.

Für Köln sind im späteren Mittelalter mehrere Hafenkräne belegt. Eine Darstellung zur Kölner Hafengeschichte nennt um 1380 vier Hafenkräne, darunter drei schwimmende Kräne sowie einen Landkran. 

Damit war ein Kran nicht einfach eine Maschine. Er war Teil der Infrastruktur des mittelalterlichen Welthandels.

PS

Eine kleine fiktive Geschichte, die die Bedeutung der Lastkräne im Kölner Hafen zur Zeit des Stapelrechts näher bringen mögen mit Informationen, gewonnen aus Recherchen im Internet +Hilfe durch KI.