Ich heiße Jupp Mehring, bin neununddreißig Jahre alt, geboren und verheiratet in Köln. Meine Frau Stina hält mir den Rücken frei, so gut es geht, und unsere drei Kinder zählen jeden Abend meine Schritte, wenn ich die Tür zur Stube öffne. Treidler zu sein ist keine Arbeit für schwache Beine – und keine für schwache Nerven.
Besonders die Waren aus den nördlichen Ländern machen Mühe. Sie werden auf sogenannte Oberländer umgeladen: schwere, aus Holz gezimmerte Lastkähne mit flachem Boden.
Wegen der niedrigen Wassertiefe führen sie weder Segel noch Kiel. Der Rhein ist launisch, und gegen seine Strömung hilft kein Tuch im Wind.
Stattdessen kommen Pferde zum Einsatz.
An langen Leinen ziehen sie die beladenen Kähne flussaufwärts. Schritt für Schritt, Hufschlag für Hufschlag, kämpfen sie gegen die träge Gewalt des Wassers an. Diese mühselige Arbeit nennt man treideln. Die Tiere laufen auf schmalen Wegen dicht am Ufer entlang – den Treidelpfaden. Dort vermischen sich Matsch, Steine und Pferdemist zu einem zähen Untergrund, der jeden Schritt zur Anstrengung macht.
An diesem Morgen begann alles wie so oft im Haxenhaus, gleich unten am Rhein, dort, wo die Salzgasse auf das Tor in der Stadtmauer trifft. Der Schankraum war dicht vom Rauch der Feuerstelle, Bier und Branntwein standen auf den Tischen, Händler beugten sich über Wachstafeln, flüsterten Zahlen und schworen Eide, die sie morgen vielleicht schon bereuten.
Hier wurden Geschäfte besiegelt – und Arbeit vergeben.
Ich saß mit den anderen Treidlern an der Wand, den Rücken am harten Holz. Wer gebraucht wurde, wurde gerufen. Wer nicht, trank still weiter. Als mein Name fiel, nickte ich nur. Die Umladung der Fracht war schnell erledigt, weil ich genügend Hände beisammenhatte, die beim Laden halfen. Meine beiden kräftige Pferde wurden angeschirrt. Als sie sich ins Zeug legten, ging es flussaufwärts. Der Lastkahn, Oberländer genannt, war schwer beladen. Tuchballen, Fässer – und eine Kiste, klein, sauber verzurrt, ohne irgendein Zeichen. Genau solche Kisten machen mir Bauchweh.
Der Himmel hatte sich schon vor dem Ablegen zusammengezogen. Wind aus Westen, kalt und böig. Kein gutes Zeichen.
Die angespannten die Pferde, kräftige Tiere, zogen mit all ihrer Kraft. Aber selbst die spürten den Zorn des Flusses. Der Treidelpfad war aufgeweicht vom Regen der letzten Tage. Jeder Schritt sog an den Stiefeln, als wollte der Boden uns festhalten. Ich ging vorn, die Leine über der Schulter, der Strick rau und nass in der Hand. Das Wasser schlug gegen den Bug, grau und schaumig.
Dann kam der Sturm.
Nicht plötzlich – nein, er schlich sich heran, wie ein Räuber. Erst stärkere Böen, dann peitschender Regen, schließlich ein Wind, der selbst den Kahn querstellte. Die Pferde scheuten, eines rutschte aus, fing sich wieder. Ich brüllte Befehle, mehr aus Gewohnheit als aus Hoffnung, sie würden im Tosen gehört.
Und dann hörte ich es:
ein Krachen, Holz auf Holz – und ein Schrei vom Kahn.
Ich drehte mich gerade noch rechtzeitig um, um zu sehen, wie die kleine Kiste sich löste. Ein Seil riss. Vielleicht war es morsch, vielleicht war es der Sturm. Die Kiste schlug gegen die Bordwand, hob sich einen Herzschlag lang – und verschwand im Rhein.
Kein Spritzen, kein Aufbäumen. Nur weg.
Mir wurde kalt, obwohl ich bis auf die Haut nass war. Solche Fracht fällt nicht einfach ins Wasser. Solche Fracht hat einen Wert, den ein Treidler nicht bezahlen kann – nicht in einem Leben, nicht in zweien.
Wir brachten den Kahn schließlich ans Ufer, weiterzugehen war unmöglich. Die Händler schrien, der Schiffer schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Ich stand da, die Leine noch immer über der Schulter, und sah in den braunen, wütenden Strom.
Ich dachte an Stina.
An die Kinder.
Und daran, dass der Rhein nimmt, was er will –
und selten etwas zurückgibt.
