Wenn das Alte wieder jung wird – Tag des offenen Denkmals im Haxenhaus

Tag des offenen Denkmals im Haxenhaus

„Ist das wirklich alles so alt?“

Die Frage kommt von einem jungen Mann, vielleicht Anfang zwanzig. Er steht mit seiner Besuchergruppe draußen an der Frankenwerft, unmittelbar vor dem Haxenhaus. Hinter ihm fließt der Rhein, vor ihm erhebt sich das historische Gebäude an der Ecke zur Salzgasse.

Unser Hausführer lächelt.

„Alt ist relativ. Aber die Geschichte dieses Hauses lässt sich tatsächlich bis ins Jahr 1178 zurückverfolgen. Damals wurde es als Huus am Bootermaate erwähnt.“

Der junge Mann schaut noch einmal nach oben.

„Über 800 Jahre? Und hier war immer etwas los?“

„Davon können Sie ausgehen!“

Und damit beginnt unsere Reise.

Ein Haus am Rhein

Der Rhein war über Jahrhunderte die Lebensader Kölns.

Vor den Mauern unseres Hauses kamen Schiffer, Händler, Handwerker und Pilger vorbei. Waren wurden angeliefert, gelagert, verkauft und weitertransportiert. Im Mittelalter prägte später auch das Kölner Stapelrecht das geschäftige Treiben am Rheinufer.

Das heutige Haxenhaus war mittendrin.

Es diente Menschen als Herberge und Ort der Gastlichkeit. Hier wurde gewohnt und gearbeitet, gelagert, gebraut, ausgeschenkt, gegessen und gefeiert.

Generationen kamen und gingen.

Das Haus blieb.

Die Gruppe betritt das Erdgeschoss.

Die Blicke wandern nach oben zur Kölner Decke, über das alte Mauerwerk und zu den historischen Details des Hauses.

„Und hier haben die Menschen früher auch schon gegessen?“, fragt eine junge Besucherin.

„Natürlich. Was glauben Sie, was ein Schiffer, Händler oder Handwerker nach einem langen Arbeitstag wollte? Einen Platz zum Sitzen, etwas Ordentliches zu essen und zu trinken – und Menschen, mit denen er reden konnte.“

„Also eigentlich genau wie heute.“

Wir lachen.

Genau wie heute.

Ein Haus, das Kriege und Hochwasser erlebt hat

Dann geht es weiter.

Die Treppe knarrt unter den Schritten der Besucher.

Wie viele Füße mögen diese und ihre Vorgänger in den Jahrhunderten getragen haben?

Kölner, Fremde, Kaufleute, Pilger, Wirtsleute und deren Familien.

Das Haus erlebte gute Zeiten und schlechte. Hochwasser kamen und gingen. Kriege zogen über Köln hinweg. Die Altstadt wurde im Zweiten Weltkrieg schwer getroffen – und doch blieb das Haxenhaus erhalten.

Ein Denkmal ist deshalb mehr als altes Mauerwerk.

Es ist ein Überlebender.

Und gleichzeitig verändert es sich ständig.

Das klingt zunächst wie ein Widerspruch.

Ist es aber nicht.

Denn auch Tradition verändert sich

Im ersten Obergeschoss bleiben wir stehen.

„Was bedeutet Tradition eigentlich?“, frage ich die Gruppe.

Ein älterer Herr antwortet sofort:

„Dass man etwas so macht, wie man es immer gemacht hat.“

Ein junges Mädchen widerspricht:

„Aber dann dürfte sich ja nie etwas verändern.“

Ein guter Einwand.

Denn auch unsere Küche zeigt, dass Tradition niemals Stillstand bedeutet.

Rezepte haben noch nie an Stadt- oder Landesgrenzen Halt gemacht. Händler brachten neue Gewürze mit, Reisende neue Ideen und zugewanderte Menschen ihre eigenen Speisen und Zubereitungsarten.

Geschmäcker reisen mit den Menschen.

Das war im Mittelalter so und ist heute nicht anders.

Jugendliche probieren Gerichte aus aller Welt. Deutsche essen italienisch, französisch, asiatisch oder orientalisch. Und deutsche Spezialitäten wiederum werden von Gästen aus aller Welt entdeckt.

Und trotzdem beobachten wir im Haxenhaus seit einiger Zeit eine interessante Gegenbewegung:

Traditionelle und regionale Gerichte werden wieder wichtiger.

Gäste fragen ganz bewusst nach Speisen, die zu Köln, zum Rheinland oder zu Deutschland gehören.

Nach Schweinshaxe und Bratwurst.

Nach deftigen Gerichten.

Nach Rezepten, die Erinnerungen wecken.

Man könnte auch sagen:

Nach Omas Küche.

Warum suchen wir plötzlich wieder das Vertraute?

Inzwischen sind wir im zweiten Obergeschoss angekommen.

Hier endet traditionell unsere Führung, und hier treffe ich als Eigentümer des Hauses auf unsere Besucher.

Dabei fällt mir seit einigen Jahren etwas besonders auf:

Die Besucher werden jünger.

Das überrascht mich.

Denn wir leben in einer Zeit, in der alles immer schneller zu werden scheint.

Das Mobiltelefon meldet die nächste Nachricht. Programme verlangen Updates. Kaum haben wir gelernt, wie etwas funktioniert, erscheint bereits die nächste Version.

Neu. Schneller. Besser.

Und ausgerechnet eine Generation, die mit dieser Geschwindigkeit aufgewachsen ist, interessiert sich zunehmend für alte Häuser, alte Geschichten und Traditionen.

Warum?

Vielleicht, weil der Mensch bei aller Freude am Neuen auch Beständigkeit braucht.

Wir alle haben unsere Rituale

Denken wir nur an Weihnachten.

In vielen Familien läuft die Bescherung seit Jahrzehnten nach einem ähnlichen Muster ab. Vielleicht gibt es immer dasselbe Essen. Jeder kennt seinen Platz. Bestimmte Lieder gehören dazu.

Warum ändern wir das nicht jedes Jahr?

Weil es uns vertraut ist.

Freunde haben ihre Rituale.

Den Stammtisch. Das gemeinsame Essen. Den jährlichen Ausflug. Das Bier nach dem Fußball.

Selbst der moderne Spitzensport kommt ohne uralte Rituale nicht aus:

Der Sieger steigt auf das Podest.

Eine Medaille wird überreicht.

Eine Hymne erklingt.

Menschen applaudieren.

Wir könnten all das abschaffen und das Ergebnis einfach auf ein Smartphone schicken.

Aber niemand möchte das.

Denn Rituale machen aus einem Ereignis ein Erlebnis.

Vielleicht ist ein Denkmal auch ein Ritual aus Stein

Plötzlich meldet sich der junge Mann wieder, der zu Beginn unserer Führung nach dem Alter des Hauses gefragt hatte.

„Dann ist so ein altes Haus eigentlich auch eine Art Gegenpol zu unserer schnellen Zeit.“

Ich denke einen Augenblick nach.

„Vielleicht haben Sie gerade besser beschrieben, warum wir Denkmäler brauchen, als ich es könnte.“

Denn ein Denkmal sagt uns nicht:

Früher war alles besser.

Es sagt vielmehr:

Vor dir waren schon andere Menschen hier.

Sie haben gearbeitet.

Sie haben geliebt.

Sie haben gegessen und getrunken.

Sie haben gefeiert und gestritten.

Sie hatten Sorgen und Hoffnungen.

Und nach ihnen kamen andere Generationen.

Bis zu uns.

1178 – und noch lange nicht fertig

Genau deshalb öffnen wir unser Haxenhaus Jahr für Jahr am Tag des offenen Denkmals.

Nicht, damit Besucher ehrfürchtig vor alten Mauern stehen.

Sondern damit das Haus weitererzählt.

Von den Menschen am mittelalterlichen Rheinufer.

Von Schiffern, Händlern und Pilgern.

Vom Brauen und Bewirten.

Von Hochwasser und Kriegen.

Von Wirtsfamilien und Gästen.

Und von einer Kölner Altstadt, die sich immer wieder verändert hat.

Heute sitzen Menschen aus Deutschland, Europa und der ganzen Welt bei uns an den Tischen. Ihre Sprachen, Gewohnheiten und Geschmäcker sind verschieden.

Doch erstaunlich viele suchen dasselbe:

ein Stück Echtheit.

Eine regionale Spezialität, wie die Kölner Haxe und die hausgemachte Bratwurst.

Ein altes Rezept, wie das Lieblingsgericht der Kinder ´Himmel & Ähd´.

Eine Geschichte, wie die vom ´Brauhaus zum Verlorenen Sohn´.

Einen Ort, der nicht gestern erfunden wurde, wie das Haxenhaus.

Die Führung ist zu Ende.

Der junge Besucher geht zur Tür, bleibt noch einmal stehen und dreht sich um.

„Nächstes Jahr komme ich wieder. Dann bringe ich meine Freunde mit.“

Ich muss lächeln.

Vielleicht entsteht gerade ein neues Ritual.

Und vielleicht ist genau das die schönste Aufgabe eines Denkmals:

die Vergangenheit zu bewahren, ohne in ihr stehen zu bleiben.

Denn Tradition bedeutet nicht, die Asche aufzubewahren.

Tradition bedeutet, das Feuer weiterzugeben.

Und im Haxenhaus brennt dieses Feuer – seit Jahrhunderten.

Und für als Haxenhaus halten wir fest an:

´Tradition heißt für uns nicht,

Vergangenes einzuschließen.

Tradition heißt,

das Wertvolle einer Generation an die nächste weiterzugeben.

„Tradition schmeckt“

KI recherchiert und gestaltet.