Das große Niedrigwasser im Mai 1473 am Haxenhaus.
Der Rhein ist seit jeher die Lebensader Kölns. Er brachte Händler, Pilger, Wein, Salz, Stoffe und Gewürze in die Stadt. Doch manchmal zeigte die Natur ihre ganze Macht – nicht durch Hochwasser, sondern durch das genaue Gegenteil.
Im Mai des Jahres 1473 erlebten die Menschen in Köln eine Dürre, wie sie kaum jemand zuvor gesehen hatte.
Zeitgenössische Berichte erzählen davon, dass der Rhein stellenweise nur noch etwa eine Elle – kaum dreißig Zentimeter – tief gewesen sei. Vor dem Salzgassentor, unmittelbar neben der damaligen Stadtherberge und Brauerei „Koenixsteyn“, dem heutigen Haxenhaus, soll man den Fluss sogar watend überquert haben.
Im Schankraum der Brauerei „Koenixsteyn“
Die wenigen Gäste saßen schweigend an den schweren Eichentischen. Wo sonst das Rufen der Schiffer und das Klappern der Ladekarren vom Rheinufer hereinschallten, herrschte ungewohnte Stille.
Johannes, der Brauer, stützte beide Hände auf den Tresen und blickte sorgenvoll durch das Fenster zum Fluss.
„Ich weiß nicht mehr, was wir noch machen sollen, Kathrin. Zu allen Heiligen haben wir gebetet. Jedes neu gebraute Fass haben wir dem heiligen Gambrinus gewidmet. Und jedes Mal habe ich einige Pfennige und Denare in den Opferstock von Groß Sankt Martin geworfen. Doch schau hinaus! Kaum noch eine Elle Wasser fließt dort draußen. Seit einer Woche ist kein einziges Schiff mehr hier angekommen.“
Die Schankmagd Kathrin stellte einen Krug auf den Tisch und seufzte.
„Vielleicht ist es Gottes Strafe. Zu viele Sünden, zu viel Hochmut. Meine Cousine erzählte gestern auf dem Markt, dass rund um Köln bereits das Getreide verdorrt. Die Obstbäume tragen kaum Früchte. Die Bauern sprechen von der schlimmsten Dürre seit Menschengedenken.“
Johannes schüttelte den Kopf.
„Ohne Schiffe kommen weder Wein aus dem Süden noch Salz aus den Niederlanden. Kein Korn, keine Fässer, keine Händler. Unser ganzes Leben hängt doch am Rhein.“
Kathrin nickte nachdenklich.
„Und wenn die Brunnen weiter sinken? Ohne Wasser gibt es kein Bier. Ohne Getreide kein Brot. Ohne Mehl keine Backstuben.“
Hoffnung auf Regen
Das Gespräch wurde immer stiller.
Normalerweise brachten erst die Sommergewitter den lang ersehnten Regen. Doch in diesem Jahr hatte die große Hitze den Frühling bereits fest im Griff. Nun hoffte ganz Köln auf dunkle Wolken am Himmel.
Gebetet wurde mehr denn je.
Die Glocken der Kirchen erklangen häufiger, Prozessionen zogen durch die Straßen, und viele Bürger baten um göttlichen Beistand.
Auch die Pilger litten
Im Schankraum saßen an diesem Abend mehrere Pilger, die zuvor ehrfürchtig die Reliquien der Heiligen Drei Könige im neuen Dom verehrt hatten. Nun stärkten sie sich in der Brauerei „Koenixsteyn“. Die frisch gegrillten Schweinshaxen dufteten verführerisch, die herzhaften Bratwürste ruhten auf cremigem Kartoffelpüree, und das kühle Bier löschte den Durst nach einem langen Tag.
Doch trotz des guten Essens und der gastlichen Atmosphäre wollte keine rechte Fröhlichkeit aufkommen. Immer wieder wanderten die Blicke der Gäste hinaus zum Rhein. Das ungewöhnliche Niedrigwasser des Rheins, die drückende Hitze und die düsteren Nachrichten von verdorrten Feldern ließen niemanden unbeschwert sein. Zu groß war die Sorge, was die kommenden Wochen für Köln und seine Menschen bringen würden.
Eigentlich wollten sie ihren Weg auf dem Jakobsweg Richtung Westen fortsetzen.
Doch die sengende Hitze machte selbst den erfahrensten Wallfahrern zu schaffen.
„Wenn schon der mächtige Rhein austrocknet“, sagte einer der Pilger leise, „wie sollen wir die langen Wege bis nach Santiago schaffen?“
Niemand wusste eine Antwort.
Wenn der Rhein verstummt
Für die Menschen des Mittelalters bedeutete das Niedrigwasser weit mehr als nur einen ungewöhnlich niedrigen Flusspegel.
Es war eine Bedrohung ihrer gesamten Existenz.
- Kein Wasser im Rhein – keine Schiffe.
- Keine Schiffe – keine Waren.
- Kein Wasser in den Brunnen – kaum Trinkwasser.
- Verdorrte Felder – keine Getreideernte.
- Kein Roggen – kein Brot.
- Zu wenig Wasser für die Mühlen – kaum Mehl.
- Weniger Brauwasser – weniger Bier.
Von den Kölner Rheinmühlen konnte damals nur noch jene betrieben werden, die mitten in der tiefsten Flussrinne lag. Das Mehl wurde knapp, Brot teuer und die Sorge der Menschen von Tag zu Tag größer.
Geschichte wiederholt sich
Wenn wir heute auf den Rhein vor dem Haxenhaus blicken und über Niedrigwasser berichten, erscheint uns dieses Phänomen oft wie eine Folge unserer Zeit.
Doch bereits vor mehr als 550 Jahren standen die Menschen genau hier am Salzgassentor und blickten mit denselben sorgenvollen Gesichtern auf einen Fluss, der kaum noch Wasser führte.
Damals wie heute zeigte die Natur ihre gewaltige Kraft.
Der Unterschied ist lediglich: Heute kennen wir Pegelstände, Wetterkarten und Klimamodelle. Die Menschen des Jahres 1473 kannten nur ihre Erfahrung, ihren Glauben – und die Hoffnung auf den nächsten Regen.
Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis: Das Haxenhaus hat in seiner langen Geschichte nicht nur Kriege, Hochwasser und Stadtbrände erlebt, sondern auch Zeiten, in denen der Rhein fast verschwand. Und dennoch ging das Leben weiter.
So erinnert uns das alte Gemäuer bis heute daran, dass die Geschichte Kölns oft aktueller ist, als wir glauben.
