Kirmes, Oktoberfest oder doch lieber Krätzjer?
„Hubert, wir müssen mal wieder raus!“
Marie stand an diesem Septembermorgen in der Küche ihres Hauses in Elsdorf-Esch und schaute ihren Mann erwartungsvoll an.
Hubert kannte diesen Blick. Er bedeutete meistens, dass sein gemütlicher Sonntag gefährdet war.
„Wohin?“
„Nach Köln. In die Altstadt. Herbst feiern!“
„Kirmes?“
„Vielleicht.“
„Oktoberfest?“
Marie musterte ihren Mann von oben bis unten.
„Dich in Lederhosen zu sehen, wäre natürlich auch mal ein Erlebnis.“
„Dann lieber Kirmes!“
Marie lachte. „Komisch eigentlich. Unsere Eltern wären in den 70er-Jahren einfach auf die Kirmes gegangen. Und unsere Großeltern in den 50ern sowieso. Heute feiern plötzlich selbst die Rheinländer Oktoberfest.“
„Solange ich dafür nicht Bayerisch sprechen muss.“
„Nach drei Bier kannst du das bestimmt.“
„Nach drei Bier glaube ich das vielleicht.“
Warum feiern wir überhaupt im Herbst?
Während Marie Kaffee nachschenkte, kamen die beiden ins Grübeln.
Dass gerade im Herbst überall Volksfeste stattfinden, ist nämlich kein Zufall.
Früher entschied der Herbst darüber, wie gut eine Familie durch den Winter kam. Korn und Weizen waren geerntet und gedroschen, Kartoffeln, Gemüse und Obst eingelagert. Die Scheunen füllten sich.
In Bayern kam das Vieh von den Almen zurück. Im Rheinland wurde eingebracht, was Äcker und Felder hergaben.
„Also erst monatelang arbeiten und anschließend feiern?“, fragte Hubert.
„Genau.“
„Das System gefällt mir. Vor allem der zweite Teil.“
Auch die Hausschlachtung gehörte früher in vielen Familien zum Herbst. Schweine wurden geschlachtet, Brat- und Blutwürste hergestellt und Schinken für den Winter vorbereitet.
Familie und Nachbarn halfen sich gegenseitig. Es wurde gearbeitet, erzählt, gegessen und getrunken. War die Speisekammer anschließend gefüllt, konnte man dem Winter etwas gelassener entgegensehen.
„Mein Großvater sagte immer“, erinnerte sich Hubert, „eine volle Speisekammer sei besser als Geld auf der Bank.“
Marie nickte.
„Vor allem kann man ein Sparbuch nicht braten.“
In Elsdorf kam noch die Rübe dazu
Für Marie und Hubert gehörte zum Herbst noch etwas ganz anderes: die Rübenkampagne.
Seit dem 19. Jahrhundert prägen Zuckerrüben und die Zuckerfabrik Elsdorf und das Umland. Die fruchtbaren Böden der Kölner Börde (1) boten beste Voraussetzungen für den Rübenanbau.
Wenn im September die ersten Rüben vom Feld kamen, begann die „Kampagne“.
Früher rumpelten Pferdefuhrwerke durch die Orte, später Traktoren und Lastwagen. Wochenlang bestimmten die Rüben den Rhythmus der Region.
„Wenn die Rübenkampagne anfing“, sagte Hubert, „wusste jeder: Der Herbst ist da.“
„Und wenn Kirmes war?“
„Wusste jeder: Jetzt wird gefeiert!“
So war es vielerorts in Deutschland.
Nach der Ernte kamen Erntedank, Kirchweih, Kirmes und Volksfeste. In München entwickelte sich das Oktoberfest, in Stuttgart der Cannstatter Wasen, im Rheinland lockten die Herbstkirmessen und Pützchens Markt.
Andere Namen, andere Spezialitäten – aber eine ähnliche Idee:
Die Arbeit ist getan. Die Vorräte sind eingebracht. Jetzt darf gefeiert werden.
Und plötzlich trägt der Rheinländer Lederhosen
„Aber warum feiern wir heute in Nordrhein-Westfalen Oktoberfest?“, fragte Hubert.
Marie zuckte mit den Schultern.
„Weil wir Rheinländer grundsätzlich keinen vernünftigen Grund zum Feiern ablehnen.“
Das überzeugte Hubert.
Inzwischen wird das Oktoberfest längst nicht mehr ausschließlich in München gefeiert. Auch im Rheinland stehen Festzelte, Menschen tragen Dirndl und Lederhosen, essen Brezn, Weißwürste und gebrannte Mandeln und trinken Oktoberfestbier.
„Eigentlich verrückt“, meinte Hubert. „Früher sind die Rezepte gereist. Heute reisen gleich die ganzen Feste.“
„Nur eines darfst du in Köln nicht vergessen.“
„Was?“
„Wir haben unsere eigenen Lieder!“
Also ab nach Köln
Damit war die Entscheidung gefallen.
Marie und Hubert fuhren nach Köln.
Am Rhein entlang schlenderten sie durch die Kölner Altstadt, vorbei an Menschen aus aller Welt. Aus den Brauhäusern drang Stimmengewirr auf die Straße.
Schließlich standen sie vor dem historischen Haxenhaus Köln.
„Hier sind wir richtig“, sagte Hubert.
Wenig später saßen beide an einem Tisch. Vor Hubert stand eine knusprige Schweinshaxe, vor Marie hausgemachte Bratwurst mit Kartoffelpüree.
Hubert betrachtete zufrieden seinen Teller.
„Siehst du, Marie: So ähnlich haben unsere Vorfahren im Herbst wahrscheinlich auch gedacht.“
„Wie?“
„Wenn genug auf dem Teller liegt, kann der Winter kommen.“
Marie hob ihr Kölsch.
„Und was ist jetzt eigentlich mit unserem Oktoberfest?“
Hubert deutete auf seine Haxe.
„Das Schwein ist schon da. Mehr Bayern brauche ich heute nicht.“
Dann kam die Musik
Doch im Haxenhaus gibt es im September noch einen ganz anderen Grund zum Feiern.
Am 27. September 2026 wird hier beim Krätzjer Fest gesungen, musiziert und gelacht.
Krätzjer gehören zu Köln wie der Kölner Dom und das Kölsch: kleine kölsche Lieder und Geschichten, manchmal frech, manchmal nachdenklich und fast immer mit einem Augenzwinkern.
Marie lächelte.
„Eigentlich ist das doch unser rheinisches Oktoberfest.“
Hubert schüttelte den Kopf.
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Weil keiner von uns Lederhosen tragen muss.“
„Schade.“
„Marie!“
Sie stießen mit ihren Kölsch an.
Draußen floss der Rhein vorbei. Drinnen wurde gegessen, erzählt und gelacht.
Und plötzlich schien es gar keinen so großen Unterschied mehr zu geben zwischen den Vorfahren im Mittelalter, den Großeltern in den 50er-Jahren, den Eltern in den 70ern und Marie und Hubert im Jahr 2026.
Die Zeiten ändern sich.
Die Feste ändern ihre Namen.
Manchmal ändern sich sogar die Hosen.
Aber eines bleibt:
Wenn der Sommer zu Ende geht, die Tage kürzer werden und der Herbst vor der Tür steht, wollen die Menschen zusammenkommen, gut essen, trinken, singen und miteinander feiern.
Ob man das nun Kirmes, Oktoberfest, Wasen oder Krätzjer Fest nennt?
Hubert nahm noch einen kräftigen Bissen von seiner Haxe.
„Marie?“
„Ja?“
„Nächstes Jahr machen wir es genauso.“
„Mit Lederhose?“
Hubert legte Messer und Gabel hin.
„Nächstes Jahr fahre ich alleine.“
KI recherchiert und gestaltet
(1) Kölner Börde = die gesamte Kölner Bucht ist geologisch eine klassische Bördelandschaft (flachwellig, baumarm und mit hochgradig fruchtbaren Lössböden für den Rüben- und Getreideanbau).
