Der Eenboom – ein Baum, der Geschichte schrieb

Eine erzählerische Annäherung von Wilhelm H. Wichert an die Geschichte der Eschergewähr – verbunden mit persönlichen Erinnerungen an den Eenboom.   Die Figuren und Dialoge der historischen Szene sind frei erfunden

Köln, im Herbst des Jahres 1848.

Im Schankraum des Haxenhauses, direkt am Rheinufer der Kölner Altstadt, saßen die beiden Schreinermeister Jupp Schmitz und Matthias Breuer bei einem frisch gezapften Bier. Marie, die dralle Schankmagd, hatte reichlich herrlich duftende Würste, Haxen und knuspriges Brot aufgetragen und die beiden ließen es sich gut gehen.

„Matthes, wir brauchen ordentliches Buchenholz!“, sagte Jupp zwischen zwei großen Bissen. „Der Kaufmann, von dem wir den Auftrag haben, will eine neue Treppe, und die soll schließlich länger halten als seine Ehe!“

Seitdem die Franzosen während ihrer Besatzung des Rheinlandes alle Handwerkszünfte aufgelöst hatten, war das Beschaffen von hochwertigem Bauholz wieder in die Hände der einzelnen Handwerker gefallen und äußerst schwierig geworden.

„Um gutes Holz zu bekommen, müssen wir aufs Land“, antwortete Matthias. „Und ich habe einen guten Rat vom alten Zunftmeister erhalten. Hinter Elsdorf, bei Esch und Tollhausen, gibt es einen großen Wald. Eschergewähr heißt der. Da stehen Buchen, aus denen kannste drei Treppen machen!“

„Wem gehört der Wald?“

„Dat weiß ich nit. Aber Bäume stehen genug drin!“

Zwei Tage später rumpelten die beiden mit ihrem Pferdefuhrwerk über die Landstraßen in Richtung Jülich.

Ein Wald mit mehr Besitzern als Bäumen?

In Tollhausen, einem kleinen Dorf in der Nähe von Elsdorf, machten sie Rast und erkundigten sich in der Dorfschänke, die schräg gegenüber dem alten Margarethen Kapellchen in einem windschiefen Fachwerkhaus war, nach dem Eschergewährwald.

Der alte Bauer Baltes Junker, der am Nachbartisch saß, begann schallend zu lachen.

„Was? Holz wollt ihr kaufen? Aus der Eschergewähr? Da habt ihr euch wat Schönes vorgenommen!“

„Wieso dat dann?“, fragte Jupp.

„Leven Jong, weil dieser Wald mehr Besitzer hat als ihr en Kölle durstige Gäste in euren Brauhäusern!“

Und dann erzählte Baltes Junker eine Geschichte, die Jahrhunderte zurückreichte.

Im zwölften Jahrhundert, so berichtete die Überlieferung, hätten die Bewohner von Esch und Tollhausen dem Herrn von Burg Reuschenberg in einer Fehde geholfen. Zum Dank habe er ihnen den Wald, die ´Eschergewähr´ geschenkt.

Doch später kamen Kriege, Zerstörungen und Geldnöte. Nach den französischen Verwüstungen um 1678 benötigten die Escher Geld für den Wiederaufbau ihrer Kirche und verpfändeten den Wald an den Freiherrn von Bongart auf Schloss Paffendorf.

Als die Rückzahlung fällig wurde, gab es Schwierigkeiten. Doch die Nachbardörfer Niederembt, Oberembt, Lich-Steinstraß, Höllen und Rödingen halfen schließlich mit Geld aus und erhielten dafür Nutzungsrechte am Wald.

Jupp kratzte sich am Kopf.

„Dann gehört der Wald, wenn isch dat richtisch verstehe, also allen?“

„Jo, so ungefähr!“

„Und wer darf dann die Bäume fällen?“

Der Bauer nahm einen kräftigen Schluck Bier.

„Du Tuppes*, wenn wir dat wüssten, hätten wir seit hundert Jahren keinen Streit mehr!“

Revolution zwischen den Buchen

Am nächsten Morgen erreichten die Schreiner den Wald.

Überall hörten sie Äxte schlagen. Männer aus den umliegenden Dörfern waren dabei, Bäume zu fällen.

„Wat es dann he loss?“, rief Matthias.

Ein junger Bursche mit einer Axt auf der Schulter antwortete:

„Revolution! Leven Meister! Wir schreiben 1848! Jetzt holen wir uns unser Erbe! Jetzt jeit et loss!“

„Und wer hat euch das erlaubt?“, fragte Jupp.

„Das Volk, mein Herr. Das VOLK!“

Matthias beugte sich zu seinem Freund.

„Jupp, ich glaube, wir sind mitten in eine Scheiß-Revolution geraten!“

„Ejal! Hauptsache, die Revolutionäre verkaufen uns noch ein paar ordentliche Stämme!“

Doch beim Anblick der vielen gefällten Bäume wurde den beiden mulmig.

„Wenn das so weitergeht“, meinte Matthias, „steht hier bald kein einziger Baum mehr.“

Der junge Mann lachte.

„Ne, ne Meister. Einen werden wir schon stehen lassen!“

Und er zeigte auf eine mächtige Buche, die mit ihrer Krone weit über die anderen Bäume hinausragte.

„Aus der könnten wir eine prächtige Treppe bauen“, flüsterte Jupp.

„Lass sie bloß stehen“, antwortete Matthias. „Vielleicht braucht man irgendwann einen Baum, der erzählen kann, wie es hier einmal ausgesehen hat.“

Mit einigen rechtmäßig gekauften Holzstämmen kehrten die beiden Schreiner nach Köln zurück.

Am Abend saßen sie dann wieder im Haxenhaus.

„Und?“, fragte Marie, die Schankmagd. „Habt ihr euer Holz bekommen?“

„Ja“, antwortete Jupp. „Aber eins kann ich dir sagen: In Köln streiten wir ums Bier. Auf dem Land streiten sie um ganze Wälder!“

Aus einem Wald wird ein einzelner Baum

Die Revolution ging vorüber, doch die Auseinandersetzungen um die Eschergewähr blieben.

1852 wurde die Teilung des Waldes durch die Königliche Regierung zu Köln eingeleitet.

Nach und nach verschwanden die Bäume. Wo einst ein ausgedehnter Wald gestanden hatte, entstanden fruchtbare Äcker, die später zum Anbau von Zuckerrüben und Getreide genutzt wurden.

Nur eine mächtige Buche blieb schließlich als weithin sichtbares Wahrzeichen zurück.

Der Eenboom.

Noch im Dezember 1947 erinnerte die Kölnische Rundschau unter der Überschrift „Dichtung und Wahrheit um die Eschergewähr“ an die bewegte Geschichte des Waldes.

Als letzten Zeugen beschrieb sie eine prachtvolle Buche, die einsam aus der flachen Landschaft emporragte.

Der Eenboom meiner Kindheit

Und hier beginnt meine ganz persönliche Geschichte.

Ich bin in Tollhausen aufgewachsen, einem kleinen Dorf im heutigen Rhein-Erft-Kreis.

Der Name „Eenboom“ gehörte damals ganz selbstverständlich zu unserem täglichen Wortschatz. Jeder kannte ihn, jeder wusste, welcher Baum gemeint war.

Aber warum dieser einzelne Baum dort draußen zwischen den Äckern stand und welche Geschichte sich hinter ihm verbarg, darüber sprach eigentlich niemand.

Jedenfalls kannte ich niemanden, der mir seine Bedeutung erklären konnte. Selbst in unserer Grundschule war der Eenboom nie ein Unterrichtsthema.

Für uns Kinder hatte er ohnehin eine andere Bedeutung.

Immer, wenn im Mai die Maiglöckchen im Hambacher Forst blühten, schwangen wir uns auf unsere Fahrräder und radelten von Tollhausen aus in Richtung Wald.

Wir wollten Maiglöckchen oder deren Blätter pflücken. Die gebundenen Sträußchen verkauften wir an Autofahrer, die am Straßenrand anhielten, „an der `Chaussee`, der B55“, die zwischen dem Wald und unserem Dorf von Köln nach Aachen führte. Die Maiglöckchenblätter wurden jeden zweiten Tag während der Maiglöckchen-Saison von Peter Hurtz, einem Großhändler, gebürtig aus Oberembt, aufgekauft und an den Medikamentenhersteller Madaus in Köln geliefert

Und unterwegs stand er seit Urzeiten: unser Eenboom!

Wie ein einsamer Wächter ragte er aus der weiten, flachen Landschaft empor.

Für uns war er ein wichtiger Wegweiser.

„Am Eenboom haben wir die Hälfte geschafft!“

Die Hälfte des Weges zwischen Dorf und Wald. Und das wussten wir alle.

Wir brauchten weder Landkarten noch Wegweiser. Der Eenboom zeigte uns, wie weit wir gekommen waren.

Dass dieser Baum möglicherweise der letzte Zeuge eines einst mächtigen Waldes war, um dessen Besitz sich Ritter, Adelsherren und Bauern über Jahrhunderte gestritten hatten, ahnten wir nicht.

Für uns war er einfach da. So selbstverständlich wie die Felder, die Wege und der Hambacher Forst.

Ein toter Baum voller Leben

Viele Jahrzehnte später erreichte mich die Nachricht, dass unser Eenboom abgestorben sei.

Im Februar 2025 berichtete der Kölner Stadt-Anzeiger, dass die alte Buche keine Blätter mehr trage.

Doch der Baum soll nicht gefällt werden.

Er sollte stehen bleiben dürfen, solange es die Umstände erlauben. Als Lebensraum für Vögel, Insekten und andere Tiere. Und als Erinnerung an eine Landschaft, die sich im Laufe der Jahrhunderte vollständig verändert hat.

Was für ein bemerkenswerter Gedanke!

Einst wurde um jeden Baum dieses Waldes gestritten. Heute bemüht man sich darum, wenigstens seinen letzten Zeugen zu bewahren.

Mittlerweile erreichte uns die Nachricht, dass wahrscheinlich der Blitz in die Reste des Eenbooms eingeschlagen war und leider nur ein Stumpf übriggeblieben sei.

Ein neuer Baum wurde von Naturliebhabern gepflanzt.

Vielleicht hätten unsere beiden Schreiner Jupp und Matthias ihre Freude daran gehabt.

Jupp hätte vermutlich seinen Bierkrug gehoben und gesagt:

„Siehste, Matthes! Gut, dat mer den damals nit zu Brettern jesägt han!“

Und ich?

Ich sehe noch immer die Kinder von damals vor mir, wie sie im Mai auf ihren Fahrrädern durch die Felder strampeln.

Den Hambacher Forst als Ziel vor Augen.

Und auf halber Strecke den Eenboom.

Ein Baum, der für uns Kinder nur ein Wegweiser war – und der mir heute so viel mehr über meine Heimat erzählt.

*Tuppes = rheinischer Dialekt: ein etwas wunderlicher, tollpatschiger Mensch