Eine kleine Zeitreise mit dem Hausmeister vom Haxenhaus Köln
Der Umkleideraum im Gewölbekeller des Haxenhauses. Es ist früher Vormittag. Der Hausmeister, ein waschechter kölsche Jong, geboren im legendären Krankenhaus Klösterchen, trifft auf den neuen Hilfskoch. Der junge Mann stammt ursprünglich vom Bosporus.
HM: „Na, Jung, da guckste, wat? Unheimlich alt diese Gewölbe! Ich sach dir, eigentlich is dat ganze Haus ein einziges Stück Geschichte.“
HK: „Ja, schon beeindruckend. Aber bei uns zu Hause haben wir auch alte Gebäude. Hagia Sophia, große Paläste, Ruinen … jede Menge Geschichte. Ich komme schließlich vom Bosporus!“
HM: „Vom Bosporus? Ja, is ja schön. Aber sach ens, haste schon mal wat von unserem Köln gehört?“
HK: „Natürlich! Dom, Karneval, Kölsch …“
HM: „Siehste! Und dat is noch längst nit alles. Du musst wissen: Ich bin hier geboren. Im Klösterchen! op de Severinsstroß. Und wer im Klösterchen dat Licht der Welt erblickt, der weiß:
Köln is der Mittelpunkt der Welt. Alles andere is Außenstelle!“
Der Hilfskoch grinst.
HK: „Aha. Und das hier ist dann wahrscheinlich der Mittelpunkt vom Mittelpunkt?“
HM: „Jetzt kommste der Sache schon näher!“
Der Hausmeister deutet auf das alte Gewölbe.
HM: „Pass ens op. Ich beschäftige mich gerade so nebenbei mit der Geschichte unseres Hauses. Ich recherchiere nämlich für einen neuen Altstadtkrimi von unserem Chef. Da gab et schon Der Büttel zu Cöln und Tod auf dem Mühlenschiff. Und jetzt is Salz wie Gold in Planung. Da muss man natürlich wissen, wat hier früher so los war.“
HK: „Und? Hast du etwas Interessantes gefunden?“
HM: „Ob du dat glaubst oder nit! Archäologische Funde, alte Fundamente und jede Menge Hinweise auf eine Geschichte, die weit vor unserer Zeitrechnung anfängt. Und jetzt halt dich fest: Hier in der Gegend, wo wir heute unsere Haxen servieren, war vor rund 2.000 Jahren schon richtig Betrieb!“
HK: „Die Römer?“
HM: „Ganz genau! Und zwar auf einer Insel im Rhein. Die nannte man später Martinsinsel. Da, wo heute unsere Altstadt liegt, war früher ein Rheinarm zwischen der Insel und dem festen Ufer. Auf der einen Seite lag ungefähr der heutige Heumarkt, auf der anderen Seite ging et Richtung Hafen. Da legten die römischen Transportschiffe an.“
HK: „Und was haben die Römer hier gemacht? Urlaub?“
HM: „Urlaub? Bei dem Wetter? Die hatten Besseres zu tun! Im ersten Jahrhundert gab et da zunächst eine große Anlage mit einem Wasserbecken. Später, im zweiten Jahrhundert, wurden auf dem Gelände vier gewaltige Lagerhallen errichtet. Die Römer nannten solche Speicherhäuser Horrea.“
HK: „Lagerhallen? Also so etwas wie ein antikes Logistikzentrum?“
HM: „Jetzt sach bloß, du kennst dich auch noch mit Logistik aus! Genau dat war et. Da wurden Waren gelagert, die auf dem Rhein transportiert wurden. Handelsgüter, Rohstoffe und allerlei Zeug, dat man zum Leben und Arbeiten brauchte. Der Rhein war damals schließlich eine der wichtigsten Verkehrsadern des Reiches.“
HK: „Das klingt tatsächlich beeindruckend.“
HM: „Und jetzt kommt der Knaller: Die Fundamente von diesen römischen Lagerhallen kannste heute noch besichtigen! Unter der Kirche Groß St. Martin. In der archäologischen Krypta! Da stehen die Reste von Mauern und Pfeilern, die schon fast 2.000 Jahre auf dem Buckel haben.“
HK: „Warte mal! Unter einer Kirche stehen römische Lagerhäuser?“
HM: „Siehste! Und du hast gedacht, nur am Bosporus gibt et alte Steine!“
Der Hilfskoch lacht.
HK: „Aber sag mal, Hausmeister, wenn die Römer hier schon solche Lagerhallen gebaut haben, was liegt dann eigentlich unter unserem Haxenhaus?“
Der Hausmeister schaut ihn vielsagend an.
HM: „Jung, dat frag ich mich schon länger!“
Er senkt verschwörerisch die Stimme.
HM: „Als in den Siebzigern der Rheinufertunnel gebaut wurde, hat sich hier am Rheinufer einiges verändert. Ich hab da so einen Verdacht, dass unter unserem Haus noch ein alter Keller schlummert. Früher lag das Erdgeschoss schließlich auf Straßenniveau. Durch die Veränderungen beim Tunnelbau könnte so manches verschwunden oder zugeschüttet worden sein.“
HK: „Du meinst, wir haben vielleicht noch einen Keller unter diesem Keller?“
HM: „Genau! Einen Keller unter dem Keller! Stell dir dat mal vor. Vielleicht finden wir da noch römische Vorräte, Amphoren oder einen alten Römer, der auf seine Haxe wartet!“
HK: „Und wenn wir nichts finden?“
HM: „Dann war er wahrscheinlich schon essen!“
Beide lachen und machen sich auf den Weg zurück in die Küche.
Der Hilfskoch bleibt noch einmal stehen.
HK: „Weißt du, Hausmeister, ich glaube, ich werde mir Groß St. Martin mal ansehen.“
HM: „Mach dat! Und wenn du wiederkommst, erzähl ich dir noch wat über die Heinzelmännchen. Aber eins kannste dir merken: In Köln musst du nur tief genug graben, dann findest du Geschichte. Und manchmal liegt sie direkt unter deinen Füßen.“
HK: „Dann hoffe ich mal, dass du beim nächsten Mal nicht mit einer römischen Speisekarte um die Ecke kommst.“
HM: „Warum nit? Die Haxe gibt et bei uns schließlich schon gefühlt seit der Römerzeit!“
Und damit war die Geschichtsstunde beendet. Zumindest vorerst. Denn im Haxenhaus gibt et bekanntlich nicht nur etwas für den Magen, sondern auch jede Menge Futter für die Fantasie.
Und wer weiß: Vielleicht wartet unter unseren Füßen tatsächlich noch eine kleine archäologische Überraschung.

Abbildung 1Bild: KuLaDig
