Gebeine der Heiligen Drei Könige in Köln.

Als die Gebeine der Heiligen Drei Könige nach Köln kamen.

Der Beginn des großen Pilgerstroms ins mittelalterliche Köln.

Flavius Schmitter, der junge Schmied, ging an diesem Morgen frohen Mutes durch den Kölner Hafen. Seit Tagen war dort von kaum etwas anderem die Rede als von einer Botschaft, die die Gemüter bewegte und die Herzen höherschlagen ließ.

Geboren als vierter Sohn eines Hufschmieds in einem kleinen Städtchen an der Erft, unweit von Köln, hatte Flavius das Schmiedehandwerk im väterlichen Betrieb von Grund auf erlernt. Doch sein Blick reichte weiter als bis zur heimischen Esse. Es zog ihn in die große Handelsstadt Köln, denn dort, so hatte er vernommen, warteten Arbeit und ein besseres Auskommen.

Am Rhein wurden unzählige Pferde benötigt. Sie zogen die schwer beladenen Lastkähne stromaufwärts gegen die starke Strömung. Immer häufiger mussten die Schiffe entladen oder mit geringer Ladung die gefährliche Stelle am Wertchen, einer kleinen Insel im Rhein, passieren. Dort ragte ein mächtiger Felsen aus dem Flussbett empor, an dem schon so mancher Schiffskiel zerschellt war. Hinter dieser Engstelle wurden die Waren erneut verladen – ein mühsames Werk, das viele Hände und ebenso viele Pferde erforderte.

Flavius dachte bei sich: »Wo viele Pferde beschlagen werden müssen, da wird auch ein tüchtiger Schmied sein Brot verdienen.« In seinen Gedanken sah er bereits den Tag vor sich, an dem er mit ehrlicher Arbeit genug verdienen würde, um Margarete, die Tochter des benachbarten Bauern aus seiner Heimat, zur Frau zu nehmen und mit ihr eine Familie zu gründen.

So hielt er sich beinahe täglich im Hafen auf, lauschte den Gesprächen der Schiffer, Kaufleute und Stapelarbeiter und beobachtete das geschäftige Treiben. Überall wurden schwere Säcke geschleppt, Fässer gerollt, Kisten gestapelt und Waren gewogen. Zwischen Salzgasse und Hafengasse herrschte vom ersten Morgenlicht bis zum Einbruch der Nacht geschäftiges Treiben. Vor dem mächtigen Haus am Salzgassentor versammelten sich Händler, Schiffsherren, Tagelöhner und Boten aus nah und fern, um Neuigkeiten auszutauschen.

Doch an diesem Tage lag etwas Besonderes in der Luft.

Eine Kunde machte die Runde, wie sie Köln noch nie vernommen hatte.

Erzbischof Rainald von Dassel kehrte aus Italien heim. Er hatte Kaiser Friedrich Barbarossa auf dessen Feldzügen treu begleitet und sollte nun mit einem kostbaren Schatz nach Köln zurückkehren. Man raunte, tief verborgen im Tross des Erzbischofs befänden sich die heiligen Gebeine jener drei Weisen aus dem Morgenland, die einst dem Stern nach Bethlehem gefolgt waren, um dem neugeborenen Christuskind Gold, Weihrauch und Myrrhe darzubringen.

Die Kunde verbreitete sich wie ein Lauffeuer.

Man erzählte sich ferner, Kaiserin Helena, die Mutter Kaiser Konstantins des Großen, habe die Reliquien der Heiligen Drei Könige einst aufgefunden und nach Mailand bringen lassen. Nachdem Kaiser Friedrich Barbarossa die Stadt Mailand erobert hatte, überließ er sie seinem treuen Kanzler und Erzbischof Rainald von Dassel, der sie nun als kostbarstes Geschenk nach Köln führte.

So schrieb man den 23. Tag des Monats Juli im Jahre des Herrn 1164, als die Gebeine der Heiligen Drei Könige feierlich in Köln eintrafen.

Von diesem Tage an wurde Köln zu einem der bedeutendsten Wallfahrtsorte der Christenheit. Die Kunde verbreitete sich über Länder und Meere hinweg. Aus allen Himmelsrichtungen machten sich Pilger auf den beschwerlichen Weg an den Rhein. Adlige und Bauern, Geistliche und Handwerker, Reiche wie Arme wollten die heiligen Reliquien mit eigenen Augen sehen. Viele hofften gar, sie im Gebet berühren zu dürfen und dadurch den Segen Gottes zu empfangen.

Mit den Pilgern kamen Kaufleute, Wirte, Handwerker und Fuhrleute. Die Stadt blühte auf wie niemals zuvor. Herbergen entstanden, Märkte wurden größer, neue Werkstätten eröffneten ihre Tore. Köln gewann an Ansehen, Wohlstand und Macht – der Beginn eines Aufschwungs, der die Stadt über Jahrhunderte prägen sollte.

Flavius Schmitter blickte voller Zuversicht auf das geschäftige Treiben. Er wusste, dass er zur rechten Zeit an den rechten Ort gekommen war. In der Stadt, welche die kostbarsten Reliquien des christlichen Abendlandes bewahrte, lagen nun auch seine Hoffnungen auf eine glückliche Zukunft.

Und dort, wo Flavius von dieser Geschichte erfuhr, wurde nur eine Generation später das erste Bier gebraut; im ‚Brauhaus zum verlorenen Sohn‘, dem heutigen ‚Haxenhaus‘.