Eine Botschaft aus dem Haxenhaus an das Jahr 2108
Deutschunterricht in der Schule.
Viele meiner Mitschüler stöhnten schon, wenn das Fach nur auf dem Stundenplan stand. Ich dagegen mochte Deutsch. Besonders dann, wenn unser Lehrer etwas Handfestes, Geschichtliches oder sogar ein wenig Mysteriöses zu erzählen hatte.
Märchen hatten wir schließlich alle schon zu Hause oder im Kindergarten in Hülle und Fülle verschlungen. Doch als unser Studienrat, zugleich unser Klassenlehrer, uns Zwölfjährigen in der Quarta – der heutigen 7. Klasse – anhand bekannter Geschichten den Unterschied zwischen Märchen, Sagen und Legenden erklärte, muss bei mir wohl eine kleine Initialzündung stattgefunden haben.
Seitdem mochte ich Geschichten. Ich las sie gerne, erzählte sie weiter – und irgendwann begann ich, selbst welche zu schreiben.
Viele Jahre später kamen mir diese Schulstunden wieder in den Sinn. Es ging um eine der bekanntesten Kölner Überlieferungen: die Geschichte der heiligen Ursula und ihrer Gefährtinnen, die der Legende nach auf der Rückreise von einer Pilgerfahrt in Köln von den Hunnen getötet wurden.
Da hatte es sich also doch gelohnt, in der Schule aufzupassen!
Denn ein Märchen ist frei erfunden. Eine Sage besitzt meist einen historischen oder örtlichen Kern, der im Laufe der Zeit ausgeschmückt wurde. Eine Legende wiederum erzählt vor allem vom Leben, Wirken und von den Wundertaten Heiliger.
Und Köln wäre nicht Köln, wenn solche Geschichten nicht bis heute überall ihre Spuren hinterlassen hätten.
Die heilige Ursula und ihre Gefährtinnen gehören untrennbar zur Geschichte der Stadt. Die elf schwarzen Tränen im Kölner Stadtwappen erinnern an diese Überlieferung. Und irgendwie führte mich der Gedanke daran zu etwas ganz anderem: zu einer alten Schriftrolle, wie ich sie früher in meinen Geschichtsbüchern gesehen hatte.
777 Jahre Haxenhaus
Meine Frau hatte sich mit großer Begeisterung an der Erforschung der Geschichte des Haxenhauses, des Gebäudes und der Kölner Altstadt beteiligt. Irgendwann kam ihr der Gedanke:
Warum sollten wir all diese Forschungsergebnisse eigentlich nur sammeln? Warum machen wir sie nicht sichtbar?
Wir schrieben das Jahr 2008.
Die damals bekannten historischen Quellen zum Haxenhaus reichten bis in das Jahr 1231 zurück. Und da Köln seit jeher eine gewisse Vorliebe für die Zahl Elf und ihre Vielfachen besitzt, ergab sich plötzlich eine geradezu kölsche Rechnung:
2008 minus 1231 = 777 Jahre.
Drei Siebener!
Wenn das kein Grund zum Feiern war.
Schließlich beginnt in Köln sogar die Karnevalssession traditionell am 11.11. um 11.11 Uhr. Die heilige Ursula, die Kölner Jungfrauen, der Karneval, die Altstadt und unser Haxenhaus – irgendwie passte alles zusammen.
Also wurde beschlossen:
Wir feiern 777 Jahre Haxenhaus!
Und die Vorbereitungen begannen.
Eine Botschaft für die Zukunft
Alles, was wir über Jahre zusammengetragen hatten, sollte an einem besonderen Ort im Restaurant aufbewahrt werden: historische Bilder, Speisekarten, Visitenkarten, eine Kopie der Gaststättenerlaubnis, ein Handelsregisterauszug und sogar ein Speicherchip mit zahlreichen Fotografien.
Doch eine Sache wollte ich unbedingt noch hinzufügen:
eine richtige Schriftrolle.
Keine moderne Gästeliste und kein gewöhnliches Blatt Papier. Es sollte eine Schriftrolle sein, wie ich sie aus meinen alten Geschichtsbüchern kannte.
Auf ihr sollten sich alle geladenen Gäste mit einer persönlichen Widmung verewigen – geschrieben mit Tinte und anschließend ganz traditionell mit Wiegelöschpapier abgetupft.
Vintage pur!
All diese Erinnerungsstücke sollten anschließend in einer luftdicht verschlossenen Zeitkapsel verschwinden.
Als Platz dafür hatten wir die älteste Wand des Nordhauses ausgesucht – gut sichtbar neben der historischen Heinzelmännchen-Treppe.
Unter fachkundiger Begleitung unserer Historiker wurde eine geeignete Kapsel geplant und schließlich eigens angefertigt. Vorsichtig entfernte man Ziegelsteine aus der alten Wand, bis genügend Raum für die Zeitkapsel geschaffen war.
Alles war vorbereitet.
Fast alles.
Denn ausgerechnet meine Schriftrolle machte uns einen Strich durch die Rechnung.
Ich hatte großspurig erklärt, dass ich mich darum kümmern würde. So schwer konnte es schließlich nicht sein, eine beschreibbare Papierrolle aufzutreiben.
Dachte ich.
In mehreren Spezialgeschäften wurde ich eines Besseren belehrt. Solche Papierrollen wurden kaum noch gebraucht und waren schlicht nicht zu bekommen.
Also telefonierte ich tagelang quer durch die Republik.
Ohne Erfolg.
Bis sich wieder einmal zeigte: Manchmal liegt die Lösung direkt vor der eigenen Haustür.
Unser Großhändler für jenes Spezialpapier, auf dem auch die Speisekarten des Haxenhauses gedruckt wurden, hatte schließlich Erbarmen mit mir. Für diesen besonderen Anlass ließ er eigens eine passende Papierrolle auf Maß schneiden.
Die Schriftrolle war gerettet.
Der große Abend
Am Abend des 15. Dezember 2008 war es schließlich so weit.
Eine große Gästeschar versammelte sich im Haxenhaus. Angeführt wurde sie vom damaligen Kölner Oberbürgermeister Fritz Schramma. Vertreter von Brauereien, Politik und Verwaltung waren gekommen, ebenso Repräsentanten des Denkmalschutzes und von Köln Tourismus, unsere Rechtsanwälte und Steuerberater, Lieferanten, Freunde und Geschäftspartner aus dem In- und Ausland – und natürlich unsere Familie.
Die Schriftrolle lag bereit.
Jeder Gast durfte darauf eine persönliche Widmung, einen Wunsch oder einen Gruß an die Zukunft hinterlassen.
Dann schlug die Uhr 19.00 Uhr.
Oberbürgermeister Fritz Schramma legte die gesammelten Erinnerungsstücke in die Zeitkapsel. Kurz entschlossen steckte er auch noch seine eigene Visitenkarte dazu.
Dann wurde die Kapsel mit einem Spezialkleber luftdicht verschlossen.
Gleichzeitig erhielt der Oberbürgermeister einen Brief mit einem besonderen Auftrag.
Er richtete sich allerdings nicht wirklich an ihn.
Sondern an einen seiner Nachfolger.
An den Oberbürgermeister oder die Oberbürgermeisterin der Stadt Köln im Jahre 2108.
Genau 100 Jahre später soll die Zeitkapsel wieder geöffnet werden. Die Menschen des Jahres 2108 sollen sehen können, welche Bedeutung das Haxenhaus und die Kölner Altstadt für uns zu Beginn des 21. Jahrhunderts hatten.
Was werden sie wohl denken, wenn sie unsere Speisekarten, Bilder, Visitenkarten und Dokumente in den Händen halten?
Werden sie unsere Schriftrolle lesen und über die Grüße der Menschen aus dem Jahr 2008 schmunzeln?
Und vor allem:
Wird man im Jahr 2108 überhaupt noch wissen, wie man den Speicherchip mit unseren Fotos ausliest?
Unter großem Beifall wurde die verschlossene Zeitkapsel schließlich in die historische Nordwand des Haxenhauses eingelassen und dort sicher verwahrt.
Dort befindet sie sich bis heute.
Jeder Besucher kann ihren Platz sehen.
Doch was sich darin befindet, bleibt verborgen.
Noch über acht Jahrzehnte lang.
Und vielleicht steht eines Tages, im Dezember des Jahres 2108, wieder eine große Gästeschar im Haxenhaus. Vielleicht wird dann jemand vorsichtig die alte Kapsel aus der Wand nehmen, sie öffnen und die Schriftrolle ausrollen.
Dann werden Menschen, die heute noch gar nicht geboren sind, für einen kurzen Augenblick erfahren, was uns wichtig war.
Und vielleicht werden sie feststellen:
Manchmal ist Geschichte nichts anderes als eine Zeitkapsel – eine Botschaft von Menschen, die hoffen, dass man sich auch morgen noch an sie erinnert.
Nachtrag: Die Geschichte geht weiter …
Als wir im Dezember 2008 unsere Zeitkapsel verschlossen und in die historische Nordwand des Haxenhauses einließen, glaubten wir, schon sehr viel über die Vergangenheit unseres Hauses zu wissen.
Doch Geschichte ist niemals abgeschlossen.
Wer weiterforscht, findet neue Spuren. Und manchmal führen diese Spuren noch viel weiter zurück, als man es sich erhofft hatte.
So brachten die Nachforschungen der folgenden Jahre eine besondere Überraschung: Während wir 2008 unser 777-jähriges Jubiläum auf Grundlage der damals bekannten Quellen aus dem Jahr 1231 gefeiert hatten, konnten wir die Geschichte des Hauses inzwischen noch weiter zurückverfolgen.
Heute dürfen wir bis in das Jahr 1178 zurückblicken.
Damit wurde unser Haxenhaus auf einen Schlag noch einmal 53 Jahre älter – zumindest auf dem Papier.
Und auch die jüngere Geschichte fügte dem Haus ein Kapitel hinzu, auf das wir gerne verzichtet hätten.
Corona – als plötzlich die Türen geschlossen blieben
Im Jahr 2020 begann die Corona-Pandemie.
Für die Gastronomie bedeutete sie etwas, was wir uns bis dahin kaum hätten vorstellen können: Aufgrund staatlicher Anordnungen mussten auch wir unser Restaurant zeitweise vollständig schließen.
Wo sonst Gäste aus Köln und aller Welt zusammensaßen, wo Kölsch gezapft, Haxen serviert und Geschichten erzählt wurden, herrschte plötzlich Stille.
Doch wenn man schon keine Gäste empfangen durfte, wollten wir die erzwungene Ruhe wenigstens sinnvoll nutzen.
Wir beschlossen, uns noch intensiver unserem historischen Haus zu widmen.
Während einer dieser Schließungszeiten ließen wir zahlreiche historische und denkmalgeschützte Raumelemente fachgerecht restaurieren und wieder stärker in den Mittelpunkt rücken.
Und dann gab es da noch einen besonderen Schatz, der schon auf seine zweite Geschichte wartete:
einen historischen Fliesenteppich aus dem ehemaligen Kloster Herz Jesu in Erkelenz.
Wir hatten die alten Fliesen dort zuvor ausbauen und sichern können. Nun sollten sie im Haxenhaus eine neue Heimat bekommen.
Ein erfahrener Mosaikleger übernahm die Aufgabe.
Doch schon bald zeigte sich: So einfach war das nicht.
Ein alter Fliesenteppich bekommt ein neues Muster
In der Kapelle des Klosters Herz Jesu hatten die historischen Fliesen ursprünglich einen ganz bestimmten Zweck erfüllt. Ihre Anordnung betonte und gestaltete den Mittelgang der Kapelle.
Im Haxenhaus gab es diesen Mittelgang natürlich nicht.
Die vorhandene Fläche, die Raumaufteilung sowie Wandschrank und Theke gaben völlig andere Maße vor.
Also musste aus den historischen Fliesen ein neues Muster entstehen – eines, das zur vorhandenen Fläche passte, ohne den ursprünglichen Charakter der alten Fliesen zu verlieren.
Es wurde gemessen, gerechnet, ausgelegt, wieder verändert und schließlich verlegt.
Das Ergebnis gefiel uns.
Doch erst danach bemerkten wir etwas, das niemand geplant hatte.
Wir zählten die verlegten Mustereinheiten zwischen dem vorhandenen Wandschrank und der Theke.
Es waren genau elf.
Elf Mustereinheiten.
Ausgerechnet elf!
Da war sie wieder – jene Zahl, die uns schon bei der Geschichte der heiligen Ursula begegnet war und die in Köln eine so besondere Rolle spielt.
Die 11 Jungfrauen der Ursula-Überlieferung.
Der 11.11.
Der Beginn der Karnevalssession um 11.11 Uhr.
Und nun lagen mitten im historischen Haxenhaus – ohne dass Architekt, Mosaikleger oder wir selbst es geplant hatten – plötzlich 11 Mustereinheiten eines alten Klosterbodens nebeneinander.
Zufall?
Natürlich.
Wahrscheinlich jedenfalls.
Aber wir sind schließlich in Köln.
Und hier darf man bei der Zahl Elf ruhig ein kleines bisschen nachdenklich werden.
Was würden wir heute in die Zeitkapsel legen?
Seit jenem Abend im Dezember 2008 ist viel geschehen.
Wir wissen heute mehr über die Geschichte unseres Hauses als damals. Wir haben erlebt, wie eine Pandemie das öffentliche Leben zum Stillstand brachte und sogar ein jahrhundertealtes Wirtshaus zeitweise seine Türen schließen musste.
Wir haben diese stille Zeit genutzt, um historische und denkmalgeschützte Elemente zu restaurieren und einen alten Fliesenteppich aus einem Kloster vor dem Verschwinden zu bewahren.
Und wir haben gelernt, dass sich die Geschichte eines Hauses niemals endgültig zu Ende erzählen lässt.
Würden wir unsere Zeitkapsel heute noch einmal öffnen dürfen, müssten wir eigentlich einiges hineinlegen:
die neuen Erkenntnisse über das Jahr 1178,
ein Foto des restaurierten Haxenhauses,
ein Stück Erinnerung an die außergewöhnlichen Corona-Jahre
und natürlich ein Bild unseres historischen Fliesenbodens mit seinen 11 Mustereinheiten.
Doch die Kapsel bleibt verschlossen.
Bis zum Jahr 2108.
Vielleicht werden die Menschen, die sie dann öffnen, längst noch viel mehr über dieses Haus wissen als wir heute.
Und vielleicht wird irgendwann jemand unseren Fliesenboden betrachten, die Mustereinheiten zählen und fragen:
„Hat man die elf damals eigentlich mit Absicht verlegt?“
Dann hoffen wir, dass jemand antwortet:
„Nein. Aber so etwas passiert eben manchmal in Köln.“


