Blog #21 – Dä Ring es fott!!!

Alles joot?

Dä Ring es fott!!!

Es geschah in den frühen 90zigern. Das Haxenhaus lief gut. Die Gäste buchten immer zahlreicher. Besonders in der Adventszeit platzte das Restaurant aus allen Nähten. Im Jahr 1994, ein Jahr nach dem verheerenden Hochwasser und der Beseitigung der meisten Schäden waren die Partys an den Wochenenden an Stimmung kaum zu toppen. Eine Oldie-Welle ebnete sich den Weg in die Ohren der Gäste mit Songs wie „Mambo Nr.5“ von Lou Bega, „Whats Up“ von den 4 non blondes, „Verdammt ich lieb dich“ von Mathias Reim und die vielen kölschen Gassenhauser „Black Föß, Höhner & Co.

Und in der Adventszeit, wenn das Jahresende nahte, Abteilungen oder ganze Firmen ihre Weihnachtspartys feierten, dann gab es eine regelrechte ausgelassene Feierwut, wie man diese sonst nur zu Karnevalszeit erleben durfte. Doch zu der Zeit vor Weihnachten lief das zu Beginn des Abends noch ziemlich gesittet und nach konformer Gesellschaft regeln ab. Auf der einen Seite wegen der förmlichen Einladung der Firma- man musste sich gut benehmen-. Auf der anderen die gewollt aufgelockerte Abteilungs- oder Firmen-Hierarchie -es sollte sich schließlich amüsiert werden.

Alles Nonsens! Spätestens nach dem 3. Kölsch, gepusht von den treibenden Rhythmen der Musik, fielen die meisten Hemmungen.

Bei dem Ereignis, von dem ich berichten möchte, war es so ähnlich.

Dabei sei erwähnt, dass Namen zufällig sind und mit lebenden Personen nichts gemein haben.

Da Stand er vor unserer Erna, die zu der damaligen Zeit eine Doppelfunktion im Haxenhaus innehatte.

Ab mittags nahm sie telefonisch und per FAX-Tisch-Reservierungen (E-Mails gab es noch nicht) für das Haxenhaus entgegen, um dann abends an die ankommenden Gäste zu empfangen und zu kontrollieren, ob die Anzahl der Gäste der Zahl auf ihrer Reservierungsliste entsprach.

Der erste Gedanke von Erna, als sie ihn da stehen sah, muss gewesen sein: „Verdammt, warum gibt es denn kein Telefon mit Bild!!“  (Hallo, wir schreiben das Jahr 1994- es gab noch kein FACETIME)

Erna setzte ihr schönstes Lächeln auf und flötete: „Guten Abend, Herr Adrian, Daniel Adrian, wenn ich richtig bin?“

Er sah wirklich verdammt gut aus. Etwa Ende dreißig, athletisch gebaut, muskulöse Schulter, schicke Jeans, stylische Hemd mit passender Seidenkrawatte. Das Jackett lässig über die Schulter geworfen.

„Richtig, Frau, ich weiß leider ihren Namen nicht.“

Antwortete er mit einem gekonnten Lächeln, das mit blitzend weißen Zähnen aus einem gebräunten Gesicht ihr entgegen strahlte.

„Einfach Erna, Herr Adrian. Sie sind mit Ihren Mitarbeitern, insgesamt haben wir fünfzehn Plätze für sie reserviert.“ Erna schmolz dahin wie Butter in der Sonne.

Er schüttelte seine schulterlangen, brünetten Haare, zeigt weiterhin lächelnd seine Grübchen auf den Wangen: Erna, besten Dank. Vollkommen korrekt. Zeigen sie uns bitte unsere Plätze.“

Erna legt einen artistischen Hüftschwung hin. „Wenn sie mir bitte folgen möchten, Herr Adrian“ und stolzierte mit Speisekarten bewaffnet vor der Gruppe bis zu deren Sitzplätzen.

Es war noch früh am Abend. Etwa gegen 21:30, als die meisten Gäste sich an Haxen, Bratwurst, Gänsekeulen und Sauerbraten gütig getan hatten, konnte man eine gewisse Erwartung und Spannung feststellen. Es mag auch daran gelegen sein, dass wenn der Chef oder die Firma einlädt, der Durst etwas größer ist, als wenn man selbst auf eigene Kosten unterwegs ist. Auf jeden Fall flossen Kölsch und Pils in Strömen. Gut, dass im Haxenhaus das Bier in 1 Meter Brettern serviert wird. So war gewährleistet, dass der Nachschub an Getränken bei den Gästen rechtzeitig deren Durst stillen konnte.

Die Stimmung war weiterhin ausgelassen und der Geräuschpegel dementsprechend. Dann pünktlich um 22:00 Uhr mit dem Schließen der Küche wurden Geschirr und Kerzenständer von den Tischen genommen, dann das Licht gedimmt und „In the air tonight“ von Phil Collins aufgelegt. Zu Beginn des Liedes noch mit einer normalen Lautstärke. Doch in dem Moment, wo das Schlagzeug den Song übernimmt, wurde der Lautstärkeregler soweit es ging, nach oben geschoben. Das war jedes Mal der Startschuss zur Haxenhaus Weihnachtsparty. Die ersten Gäste saßen schon nicht mehr auf ihren Stühlen und fingen stehend an zum Takt der Songs zu wippen.

Am Tisch von Herr Adrian und den Mitarbeiterinnen seiner Beraterfirma sah noch alles normal aus. Bis dahin. Aber auch hier wurde mittlerweile viel gelacht, die Gesichtsfarben hatten sich der Temperatur im Lokal angepasst. Als dann „Mambo No 5“ durch die Lautsprecher gejagt kam, gab auch dort kein Halten mehr. Die junge blonde Mitarbeiterin, die rechts von Herrn Adrian saß, sprang auf, schnappte sich ihren Chef und dreht mit ihm ein paar Pirouetten. Die meisten sangen textsicher mit und fuchtelten mit den Armen in der Luft. Unser DJ gab alles. Mit Folgen.

Tagsüber hatten wir in mühsamer Kleinarbeit die Sprossenfenster im Restaurant mit einem Schneespray auf Winterhütte getrimmt. (Uns war damals noch nicht so ganz klar, dass Köln das Hawaii von Deutschland geworden war und man meistens selbst im Winter Frühlingsgefühle bekam.)

Und dies: Die milde Temperatur von außen und innen die Hitze von etwa zweihundert schwofenden weihnachtsfeiernden Gästen ließ unseren Kunstschnee wie eine Suppe die Fensterrahmen runtergleiten. By,By Schneehütte.

Das alles tat der Stimmung keinen Abbruch. Bei „Whats up“ von 4 non blondes sangen alle den Refrain aus vollem Hals mit.

Herr Adrian war mittlerweile in seinem Team immer weitergereicht worden. Sein vorher makelloses Hemd wies die ersten Schweißflecke auf. Und wahrscheinlich, um kein Spielverderber zu sein, hatte er seine Seidenkrawatte als cooler Gag um die Stirn gebunden. Jedes Mal, wenn er sich zum Rhythmus der Musik drehte, flog der Schlips wie ein Pferdeschwanz durch die Luft. links-rechts links-rechts-links-rechts.

Sehr zur Belustigung seiner Tanzpartnerinnen, die versuchten seinen Schlips zu schnappen. Und es waren nicht nur die Damen aus seinem Team, die ihn zum Tanzen brachten. In der unmittelbaren Nachbarschaft um ihn herum hatte sich innerhalb der weiblichen Gäste eine Begehrlichkeit auf den schönen Mann ausgebreitet.

Als dann das Lied „Die Hände zum Himmel“ seinen Peak erreichte und alle ihre Arme und Hände wie vom Katapult geschossen in die Höhe warfen, muss es passiert sein.

Wenige Minuten später stand Herr Adrian mit Krawatte um den Kopf, verknittertem Gesichtsausdruck vor der Theke und fragte nach Erna.

Katzengleich fädelte sich Erna aus dem Thekengeschehen:

„Herr Adrian, was darf ich für sie tun?“

Sie musste schreien, um sich bei dem Geräuschpegel verständlich machen zu können.

„Mein Ring ist weg! Mein Ehering ist weg! Weggeflogen!“

Erna verstand nur Ring und Ehe. Für einen Moment hatte sie einen Gedankenflash: Es konnte doch nicht sein, dass sie auf diesen Adonis so einen Eindruck gemacht hatte, dass der…. 

Ring… Ehe?

Quatsch, Sie riss sich zusammen:

„Was ist passiert? Herr Adrian“

„Erna, stellen sie sich vor! Erna, als wir dort an unsrem Tisch getanzt haben und wir die Hände zum Himmel getreckt haben, da bei dem „und dann die Händeee zum Hiiimel“ ist mir mein Ring, mein Ehering, einfach wupp…, weggeflogen. Der muss da unten irgendwo liegen. Erna, ich bin erst seit vier Wochen verheiratet. Wenn ich ohne Ring nach Hause…“

Erna sah die pure Panik in seinen großen braunen Augen. Er tat ihr leid. Auch wenn er zu Beginn des Abends etwas hochnäsig auf sie gewirkt hatte, so sah er jetzt wir ein trauriger Junge aus.

„Herr Adrian, das kriegen wir geregelt, glauben sie mir. Denn mir sin he in Kölle“ schrie Erna ihm ins Ohr. „Warten sie hier auf mich!“

Sie ging zum DJ, und sagte ihm etwas ins Ohr, während dieser immer wieder nickte.

Der DJ ließ den Anfang von „Born to be wild“ von Steppenwolf laufen. Das Party-Volk nickte mit den Köpfen und wollten nach dem vierten Takt voll in den Text einsteigen, als der DJ den Lautstärkenregler runterzog und durchs Mikrofon fragte:

„Gefällt es euch?

Alle johlten und schrien „JAAAA“

„Freut ihr euch auf Weihnachten?“

“JAAAA“

„Wir haben auch einen Wunsch!“

„Waaas deennn?“ Erscholl es von den Gästen, so wie im Müngersdorfer Stadion.

„Bitte sucht mit uns. Ein Gast, einer von euch hat dort vorne unter dem Kronleuchter seinen Ehering verloren. Wer ihn findet und zu uns an die Theke bringt, erhält einen Meter Kölsch aufs Haus! Deal?“

„Deal, Deal „schrien die Menge und wie auf Kommando fielen rund um den Kronleuchter Menschen auf die Knie, übereinander, untereinander und krochen auf allen vieren über den Boden.

Keine drei Minuten später sprang eine hübsche Frau triumphierend auf und hielt etwas golden glitzerndes in der Hand. „Ich habe ihn, ich habe ihn, ich habe den Ring!“

Damit war für die Party das Ding geritzt und der Dj spielt die Scheibe von Steppenwolf von vorn.

Die Finderin bahnte sich den Weg zur Theke und wurde dort von einem überglücklichen Herrn Adrian mit offenen Armen in Empfang genommen und von ihm geherzt und geküsst. „Vielen, vielen Dank. Sie haben mich gerettet. Wie kann ich mich erkenntlich zeigen?“

„Jung, dat brauchste nit. Du bes nämlich he in Kölle. Och, wenn et beij uns heißt; wat fott es, es fott.

Aver su jett, wie dinge Ehering, su jett kütt beij uns nit fot! Frohe Weihnachten, Jung. Mach et joot!“

Herr Adrian küsste nochmals seine Retterin, steckte den Ring sicherheitshalber ins Portemonnaie, küsste Erna auf die Wange, rückte seinen Stirnen-Schlips zurecht und tanzte zurück ins Getümmel:

Born to be wild in Kölle, auch kurz vor Weihnachten.

Euch allen Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Der nächste Blog kommt zu Beginn 2024